Evolutionsökonomik

Autor: Jan Meyerhoff
Schirmherr and akademischer Review: Dr. Tom Brökel

1. Kernelemente

Die evolutorische Ökonomik beschäftigt sich insbesondere mit wirtschaftlichem Wandel. Wesentliche Grundprobleme sind die des fundamentalen Unwissens (Herrmann-Pillath, 2002) sowie der Koordination und des Wachstums von Wissen (Dopfer, 2007).  Ihr Untersuchungsgegenstand umfasst daher Wandlungsprozesse, wie z.B. Innovationen, Strukturwandel, technologischen Wandel, institutionellen Wandel, Wirtschaftswachstum oder allgemein die wirtschaftliche Entwicklung. Im Hinblick auf die Perspektive, aus der diese Prozesse untersucht werden, gibt es jedoch große Unterschiede, sowohl zwischen den einzelnen evolutionsökonomischen Ansätzen, als auch zwischen der Evolutionsökonomik und denjenigen anderen Denkschulen, die ähnliche Probleme behandeln.. Im Gegensatz zum Grundproblem des optimalen Entscheidens über die Verwendung knapper Ressourcen, das in der Neoklassik im Vordergrund steht, liegt der Fokus der Evolutionsökonomik auf den Grundproblemen des fundamentalen Unwissens (Herrmann-Pillath, 2002) sowie der Koordination und des Wachstums von Wissen (Dopfer, 2007).

Schamp (2012, 121) betont, dass es den Evolutionsökonomen nicht um individuelle Geschichtsschreibung, sondern um die Suche nach allgemeinen Prinzipien des wirtschaftlichen Wandels geht. Insbesondere geht es laut Schamp (2012, 122) um „solche Neuerungen, die sich unter der großen Vielfalt an gleichzeitig bestehenden Neuerungen auch über eine längere Frist durchsetzen bzw. durchgesetzt werden“. Herrmann-Pillath (2002,  204) hebt hervor, dass eine Theorie wirtschaftlicher Evolution Wandel (Neuheit) und Stabilität (Bewahrung) gleichermaßen erklären muss.

Obwohl es auch innerhalb der evolutorischen Ökonomik verschiedene Ansätze gibt, in denen insbesondere der Begriff „evolutorisch“ unterschiedlich interpretiert wird, gibt es ein gewisses Maß an Einigkeit über die folgenden Elemente (Witt, 1987). 

(1) Zunächst liegt ein Fokus auf der wirtschaftlichen Dynamik. Diese wird dabei allerdings nicht als die Anpassung von einem zu einem anderen Gleichgewichtszustand an exogen bedingte Gegebenheiten gesehen, sondern vielmehr als ein ständig fortwährender Prozess, in welchem neue Bedingungen aus dem Wirtschaftssystem heraus, d.h. endogen, erzeugt werden. (2) Ein weiteres Element ist das Konzept der irreversiblen, historischen Zeit. Dies bedeutet, dass die wirtschaftliche Entwicklung auch von vergangen Entwicklungen beeinflusst wird, welche eine nicht umkehrbare Richtung aufweisen (Pfadabhängigkeit). Dabei soll allerdings nicht impliziert werden, dass historische Ereignisse determinierend sind. (3) Ein letztes Element ist die Erklärung von Neuerungen und deren Diffusion.

2. Begriffe, Analysen und Konzeption der Wirtschaft

Bei der genauen Konzeption der Wirtschaft gibt es innerhalb der Evolutorischen Ökonomik unterschiedliche Ansätze, von denen hier die wichtigsten gemeinsamen Begriffe und Konzepte dargestellt werden sollen. Im Konzept von Dopfer (2007) gibt es einen theoretischen Bezugsrahmen, in dem zwischen Mikro-, Meso- und Makroebene unterschieden wird. Herrmann-Pillath (2002) betont darüber hinaus die Netzwerkstruktur des Wirtschaftssystems.

Mikroebene

Ein wesentlicher Unterschied zur Neoklassik liegt in der Konzeption der Akteure auf der Mikroebene. Im Fokus der evolutorischen Analyse steht die Schaffung, Adoption (Übernahme), Bewahrung und Koordination von Routinen, die im Gegensatz zur Mainstream-Ökonomik veränderlich sind. Routinen sind Entscheidungsregeln von Akteuren, die regelmäßig wiederholt werden und deren erlerntes, gewöhnliches Verhalten repräsentieren. Dynamische Routinen umfassen z.B. Regeln für die Gestaltung neuer Produkte oder der formalen Organisationsstruktur. Statische Routinen ermöglichen hingegen die Wiederholung bereits abgelaufener Aktivitäten und repräsentieren somit eher das Alltagshandeln einer Organisation bzw. eines Akteurs.

Mesoebene

Die Adoption einer Routine innerhalb einer Population wird als Prozess konzipiert, der auf der Mesoebene stattfindet. In evolutorischen Theorien wird häufig davon ausgegangen, dass mehrere Akteure Populationen bilden, wobei sich die Merkmale von Akteuren in und zwischen Populationen unterscheiden. Je nachdem, welcher spezifische Forschungsgegenstand untersucht wird, werden z.B. die Teilnehmer eines Marktes, die Unternehmen einer Branche oder die Regionen eines Landes als Populationen aufgefasst.

Eng mit dem Regel-Ansatz verwandt ist das Konzept der Routinen, welches durch Nelson & Winter (1982) entscheidend geprägt wurde. Routinen sind Entscheidungsregeln von Akteuren, die regelmäßig wiederholt werden und deren erlerntes, gewöhnliches Verhalten repräsentieren. Dynamische Routinen umfassen z.B. Regeln für die Gestaltung neuer Produkte oder der formalen Organisationsstruktur. Statische Routinen ermöglichen hingegen die Wiederholung bereits abgelaufener Aktivitäten und repräsentieren somit eher das Alltagshandeln einer Organisation bzw. eines Akteurs. Für die Erklärung wirtschaftlichen Wandels bietet der Darwinismus ein spezifisch evolutorisches Erklärungskonzept, mit dem unterstellt wird, dass der wirtschaftliche Wandel von Mechanismen der Variation, Selektion und Bewahrung angetrieben wird. Die Hauptthesen dieses VSB-Paradigmas lauten, dass sich Populationen aus heterogenen Akteuren zusammensetzten. Die Akteure unterscheiden sich dabei insbesondere hinsichtlich der erlernten Routinen (Variation), die sich wiederum über die Zeit verändern können (z.B. durch Lernen und Innovieren). Die Routinen unterliegen dabei einem Selektionsdruck (Selektion), sodass dass sich solche Routinen in der Population ausbreiten, die einen größeren Reproduktionserfolg (Übernahme der Routinen durch andere Akteure) verzeichnen. Im Regelfall bezieht sich die Selektion von Routinen darauf, in wie weit sie die effizientere Nutzung der für die Reproduktion bedeutsamen Ressourcen ermöglichen. Ebenso wie in der Neoklassik spielt daher Knappheit eine zentrale Rolle, weil angenommen wird, dass der Wettbewerb um knappe Ressourcen in der Selektionsumwelt zu einem Selektionsdruck führt. Besser angepasste Routinen (Verhaltensweisen) werden somit tendenziell stärker reproduziert. Es setzen sich daher jene Routinen (oftmals als „Routinenbündel“ in Form von Unternehmen) am Markt durch, die leistungsfähigere Produkte und Produktionsmethoden ermöglichen als konkurrierende Routinen bzw. Unternehmen, die als Bündel von Routinen interpretiert werden (Hermann-Pillath, 2002, S. 34). Das Ergebnis dieses Prozesses kann als Anpassung an die Selektionsumwelt verstanden werden (Hermann-Pillath, 2002, S. 206).

Ein weiteres zentrales evolutorisches Konzept ist die Pfadabhängigkeit. Die Vertreter dieses Konzeptes betonen, dass der Anfangspunkt der Entwicklung, zeitlich zurückliegende Ereignisse, ihre spezifische historische Abfolge, und der Zufall einen bedeutenden Einfluss auf das letztendliche Ergebnis wirtschaftlicher Aktivitäten ausüben (David, 1984, in Garud/Karnoe, 2001, 4). Gegenwärtige Entwicklungen sind demnach nie unabhängig von ihrer Geschichte (Hermann-Pillath, 2002, S. 232).

Makroebene

Die Makroebene setzt sich aus vielen Regeln und mehreren Populationen zusammen. Dabei ist sie allerdings keine simple Aggregation der Mikroebene, sondern wird vielmehr durch Selbst-Organisation von Populationen und Strukturen auf der Mesoebene bestimmt. Dies bedeutet also, dass sich Prozesse auf der Makroebene nur über die Mesoebene, d.h. die Analyse von Populationen, anstatt individueller Agenten, erklären lassen (Dopfer & Potts, 2007).

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Wandel hauptsächlich über die Meso-Ebene erklärt wird, und dass dieser von Strukturen auf der Mikro- und Makro-Ebene aufgenommen und einschränkt werden kann (Dopfer et. al., 2004).

3. Ontologie

Während sich die Mainstream-Ökonomik vornehmlich mit der Optimierung von individueller Bedürfnisbefriedigung bei knappen Ressourcen beschäftigt, steht bei der Evolutionsökonomik das Wissensproblem im Vordergrund. So werden Unsicherheit und fundamentales Unwissen als wesentliche Grundprobleme der Wirtschaft angesehen (Herrmann-Pillath 2002, S.22). Diese Einsicht bedeutet, dass sich auch die Ontologie grundlegend von der herkömmlichen Mainstream-Ökonomik unterscheidet: Neben den Individuen wird auch Wissen als Wirklichkeitsphänomen betrachtet, weshalb Herrmann-Pillath (2002, S.33) hier von einer bimodalen Ontologie spricht. Methodologisch wird damit die Position des Emergentismus vertreten und angenommen, dass aus den Interaktionen von Individuen neue Entitäten entstehen, deren Eigenschaften nicht auf die individuelle Ebene zurückzuführen sind. „Die fundamentale ontologische Prämisse der evolutorischen Ökonomik besteht darin, dass in komplexen Systemen der Wissensteilung nur das individuell und subjektiv verfügbare Wissen handlungsrelevant ist, während die Leistung des gesamten Systems durch den insgesamt wirksam werdenden Wissensbestand determiniert ist. Dieser Wissensbestand besitzt daher einen eigenen ontologischen Status im Sinne einer eigenständigen Ursache wirtschaftlicher Phänomene“ (Hermann-Pillath 2002, S.33). 

Daraus ergibt sich, dass anstelle von rational und nutzenmaximierenden Akteuren nun Wirtschaftssubjekte im Vordergrund stehen, die nur „begrenzt rational“ agieren. Sie sind nicht fähig, sämtliche Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und deren Kosten und Nutzen einzuschätzen, weshalb die optimale Handlungsmöglichkeit nicht berechnet werden kann. Im Gegenzug wird angenommen, dass Wirtschaftssubjekte Entscheidungen auf Basis von Heuristiken treffen. In diesem Fall wird in einer Entscheidungssituation nicht nach der optimalen Lösung gesucht, sondern die Alternativen werden so lange durchsucht, bis eine Möglichkeit gefunden wird, die den angestrebten Zweck erfüllt bzw. das Überschreiten einer bestimmten Schwelle an Zielerreichung ermöglicht (Anspruchsniveau / „aspiration level“). Herbert Simon (1957) prägte für dieses Verhalten den Begriff „satisficing“.

Jedoch ist dem Konzept beschränkter Rationalität die Idee der Schöpfung neuer Handlungsmöglichkeiten ebenso fremd wie der neoklassischen Verhaltenskonzeption mit ihrer Optimierungshypothese (Witt, 2001). Denn auch im Konzept der beschränkten Rationalität wird nur das Treffen von Entscheidungen bei gegebenen Alternativen erklärt, welches im Fall der Neoklassik als perfekt und im Fall des Satisficing als imperfekt angesehen wird. Daher hat die Evolutionsökonomik den Anspruch, über solche Vorstellungen von adaptiven Entscheidungsprozessen hinaus zu einem kreativen kognitiven Modell zu gelangen, um der Innovationstätigkeit tatsächlich Rechnung zu tragen (Röpke, 1977). So stellte Schumpeter, der als einer der Begründer der Evolutionsökonomik angesehen wird, den Innovationsprozess als Kern der wirtschaftlichen Entwicklung dar. Innovationen beschreibt er als neue Kombinationen vorhandenen Wissens. Witt (2001) betont, dass Menschen die Fähigkeit besitzen, sich noch nicht existierende Situationen vorzustellen. Darüber hinaus denken sie sich neue Handlungsmöglichkeiten aus, probieren sie aus und implementieren sie (Witt, 2001).

4. Epistemologie

Die Annahme des fundamentalen Unwissens bedeutet, dass Wissen sich immer auch als unsicheres Wissen bzw. Nichtwissen erweisen kann, sodass jede Aussage nur einen hypothetischen Charakter aufweist. Die oben beschriebenen Grundsätze der Evolutionstheorie sind mit der evolutionären Erkenntnistheorie (Hypothetischer Realismus) verbunden. Nach dieser entsteht nicht alles Wissen a priori innerhalb des Individuums. Auch können Aktoren nicht auf das ganze Wissen zugreifen, sondern nehmen unterschiedliche Ausschnitte des Wissens wahr, weshalb der methodologische Individualismus keine ausreichende Systemerklärung liefern kann. Wissen kann als subjektives Wissen auftreten oder aber emergentes Phänomen der Interaktion der Akteure einer Netzwerkkonfiguration sein. Das gesamte Wissen ist somit größer als die Summe der individuellen subjektiven Wissensbestände. Die evolutorische Erkenntnistheorie fokussiert sich eher auf die Entstehung und Verbreitung von Wissen, anstatt der Frage nach der Wahrheit des Wissens nachzugehen. Nach dieser Erkenntnistheorie, welche vornehmlich von Konrad Lorenz, Donald T. Campbell, Gerhard Vollmer und Rupert Riedl vertreten wird, gibt es mindestens eine Realität, die vom Menschen unabhängig ist. Diese Realität hat eine Struktur, wonach kausale Relation objektiv existieren und zumindest teilweise erkennbar sind (struktureller Realismus).

5. Methodologie

Es geht in der evolutorischen Ökonomik um die Dynamik wirtschaftlicher Systeme in historischer Zeit, was im Gegensatz zur komparativen Statik der Neoklassik steht. In der Evolutionsökonomik findet sowohl deduktive als auch induktive Forschung statt (Boschma und Frenken, 2006, 291). Dabei wird jedoch nicht immer eine Verallgemeinerung angestrebt, sondern auch die Beschränktheit von Wissen und Erkenntnissen auf einen spezifischen räumlichen und zeitlichen Kontext anerkannt.

Außerdem gibt es in der Evolutionsökonomik weder einen reinen methodologischen Individualismus (Reduktionismus), noch ausschließlich methodologischen Kollektivismus. Stattdessen gibt es Selektionsmechanismen sowohl auf Ebene der Routinen und Individuen als auch Selektionsmechanismen auf der Ebene übergeordneter Entitäten (Bowles, 2009, 479).
Außerdem werden sowohl formalisierte Modelle und quantitativ-empirische Verfahren als auch qualitative Verfahren angewendet. Die Evolutionsökonomik ist sehr interdisziplinär, da sie nicht nur Konzepte und Begriffe, sondern auch Methoden aus anderen Disziplinen übernimmt. Auf der Ebene der konkreten wissenschaftlichen Methoden greifen Evolutionsökonomen neben Regressionen bspw. auf die Soziale Netzwerkanalyse (SNA) zur Untersuchung der Evolution von Netzwerken zurück oder verwenden die Agenten-basierte Modellierung und Evolutionäre Spieltheorie. Damit kommt sie dem Anspruch eines Methodenpluralismus im Sinne des “anything goes” von Paul Feyerabend (1975) sehr nahe. Naturgemäß stehen aber methodische Ansätze im Vordergrund, mit deren Hilfen Entwicklungen und Dynamiken analysiert werden können.

6. Ideologie und politische Ziele

Als ideologischer Aspekt der Evolutionsökonomik kann die positive Interpretation von Innovation und Wandel angesehen werden. Hierbei steht das Leitbild einer anpassungs- und innovationsfähigen Volkswirtschaft im Vordergrund. Positive wirtschaftliche Entwicklung wird auf Innovationsfähigkeit und die Anpassung an das (veränderliche) technologische/wirtschaftliche Umfeld zurückgeführt, sodass der Gestaltung der Forschungs-, Innovations- und Technologiepolitik große Bedeutung zukommt. Das Leitbild der Innovation und die sich aus den evolutionsökonomischen Theorien und empirischen Studien ergebenden Vermutungen und Erkenntnisse über die Bestimmungsfaktoren von Innovationen können gleichsam zur Rechtfertigung und Bewertung politischer Handlungen verwendet werden. Die neoklassische Idealvorstellung pareto-effizienter Tauschmärkte wird hingegen eher abgelehnt. Evolutorische Theorien implizieren nicht, dass die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt durch vollkommene Märkte mit vollständiger Konkurrenz maximiert wird, oder dass die Schaffung derartiger Konkurrenzmärkte als wirtschaftspolitische Strategie angestrebt werden sollte.

Daraus geht hervor, dass Wirtschaftspolitik nicht alleine am Markt ansetzen kann, sondern sich vielmehr auf die „Gesamtheit und Komplexität der Netzwerke und ihrer Dimensionen bezieht, in die jene Prozesse eingebettet sind, die sie zu beeinflussen sucht“ (Hermann-Pillath, 2002, 441). Als Begründung für Wirtschaftspolitik wird bspw. von Vertretern des Innovationsysteme-Ansatzes argumentiert, dass es analog zum Marktversagen ein Versagen des nationalen Innovationssystems geben kann (“system failure”), das womöglich durch den Staat behoben werden kann. Darüber, wie eine möglichst anpassungs- und innovationsfähige Volkswirtschaft gestaltet werden muss, d.h. wie ein Versagen des Innovationssystems behoben werden sollte, besteht jedoch keine Einigkeit. Konkrete Politikimplikationen spiegeln dabei auch das Problem der Unwissenheit wider. Da kein politischer Akteur über vollständiges Wissen verfügt, können politische Interventionen auch scheitern. Zu dieser begrenzten kognitiven Fähigkeit der Aktoren kommt die Komplexität der zu lösenden Probleme. Dies hat zu Folge, dass rational, deduktive Entscheidungsprozesse eher abgelehnt werden und stattdessen, induktive, auf Experimenten basierende Prozesse befürwortet werden. In diesem Zusammenhang stellen gemachte Erfahrungen und vorhandenes Wissen eine wichtige Basis für Entscheidungen dar (Metcalfe, 1994).

Evolutorische Theorien haben beispielsweise Eingang in die Regionalpolitik der europäischen Union gefunden, die u.a. das Ziel einer hohen F&E-Tätigkeit in europäischen Regionen verfolgt. Als Beispiel aus der Praxis lässt sich hier die so genannte Strategie der “intelligenten Spezialisierung” (Engl.: “smart specialization”) anführen, die das Ziel verfolgt, Europa zu einem innovativen Wirtschaftraum zu machen. Anders als der Name impliziert, handelt es sich hierbei um eine Diversifizierungsstrategie. Neu daran ist, dass sich die Entscheidung über neue Diversifizierungen eng an dem in der Region vorhandenem Wissensbestand orientieren soll, d.h. neue Wirtschaftszweige sollen mit bestehenden “verwandt” sein, da dies die Möglichkeit von Wissenstransfers und somit die Erfolgschancen von Diversifizierungs- und Innovationsprozessen erhöht. Zusätzlich soll die Entscheidung über neue Diversifizierungen das Ergebnis eines gesellschaftlichen Diskurses (“entrepreneurial discovery”), unter Einbeziehung der wesentlichen Stakeholder sein (Boschma und Gianielle, 2014).

7. Aktuelle Debatten und Analysen

Eine zentrale Debatte stellt die Anwendbarkeit des Darwinismus auf die wirtschaftliche Evolution als sozialem Phänomen dar. Die universaldarwinistische These der Variation, Selektion und Bewahrung ist innerhalb der Gemeinschaft evolutorischer ÖkonomInnen nicht allgemein akzeptiert. Ihr wird insbesondere entgegengesetzt, dass die Evolution wirtschaftlicher Systeme keine Entsprechung zur biologischen Vererbung besitzt, sondern eigenen Regeln folgt, weil sie als Teil der kulturellen Evolution wesentlich schnelleren Entwicklungsprozessen unterliegt, was als Kontinuitätshypothese bezeichnet wird. Außerdem unterliegt die Entstehung von Neuerungen bei sozio-ökonomischen Phänomenen nicht ausschließlich dem Zufall, wie es in der Genetik der Fall ist.

8. Abgrenzung: Unterschulen, andere ökonomische Theorien, andere Disziplinen

Eine trennscharfe Abgrenzung von Tochtertheorien ist schwierig, jedoch lassen sich spezifische Merkmale unterschiedlicher Theorieströmungen identifizieren. Einige Ansätze greifen mehr oder weniger stark auf Begriffe und Konzepte aus der Evolutionsbiologie zurück, während bei anderen eher das Konzept der Pfadabhängigkeit, die Selbstorganisation komplexer Systeme oder der institutionell-kulturelle Wandel im Vordergrund stehen.

Im Universaldarwinismus wird wirtschaftliche Evolution als gerichteter Wandel  verstanden, der sich infolge der Entstehung, Auslese und Bewahrung von neuen Routinen (Wissen) herausbildet (VSB-Paradigma). Dieser Wandel setzt Vielfalt voraus und erzeugt wiederum selbst Vielfalt. Der Universaldarwinismus ist laut Essletzbichler (2012, 129) ein theoretischer Bezugsrahmen, um die Evolution in komplexen Populationssystemen zu verstehen. Populationen heterogener Einheiten evolvieren durch Interaktionen untereinander und mit der Umwelt, die sie zu prägen helfen.  Der Universaldarwinismus orientiert sich an der Genetik und umfasst die „Vererbung von Replikator- Instruktionen durch individuelle Einheiten, eine Variation von Replikatoren und Interaktoren, und einen Prozess der Selektion der Interaktoren in der Population" (Hodgson/Knudsen, 2010, 65, in Essletzbichler, 2012). Variation wird durch endogene Transformation und die Emergenz neuer Eigenschaften erzeugt, sowohl durch den Zufall als auch durch absichtsvolles Suchen intentionaler Akteure nach Verbesserungen. Dem biologischen Begriff des Phänotyps entspricht in der Evolutionsökonomie der Begriff „Interaktor“. Essletzbichler (2012, 133) definiert einen Interaktor als „Entität, die als kohäsives Ganzes direkt mit ihrer Umwelt interagiert". Für jeden Interaktor gibt es eine Reihe an Replikatoren. Der Begriff „Replikator“ entspricht dabei dem biologischen Begriff „Genotyp“. Replikatoren sind bestimmte Merkmale von Interaktoren (zumeist deren Routinen), die als deren „Gene“ verstanden werden. Interaktoren können sowohl Individuen, Organisationen als auch Länder oder Regionen sein. Sie werden als die „Träger“ von Replikatoren verstanden (d.h. z.B. von Routinen). Information über erfolgreiche Anpassungen von Interaktoren (Phänotypen) wird über die Zeit durch Replikatoren (Genotypen) weitergereicht. Letztere verhindern die sofortige Anpassung an Umweltveränderungen. Damit wird sichergestellt, dass es verschiedene Varianten gibt, was eine notwendige Bedingung dafür ist, dass Selektion stattfinden kann. Die Selektion hat zur Folge, dass diejenigen Interaktoren, deren Eigenschaften besser zum lokalen und historisch spezifischen Kontext passen, höhere Überlebensraten haben und deshalb auch höhere Raten an replikativem Erfolg aufweisen. Letzteres bedeutet, dass diese Phänotypen ihre Genotypen mit höherer Rate weitergeben (Essletzbichler, 2012, 130).

Die sogenannten Neo-Schumpeterianer sehen das Konzept der Selektion als Kernelement der Evolutionsökonomik an. Hierzu wird der Ansatz von Nelson & Winter mit ihrer „Evolutionary Theory of Economic Change” gezählt (Cordes, 2014, 2). Letztere importieren biologische Konzepte eher auf metaphorische Weise in die Ökonomik, während bspw. Metcalfe (1994) ein Modell natürlicher Selektion direkt auf den wirtschaftlichen Wettbewerb anwendet. Teilweise wird auch der Ansatz der Innovationssysteme (Lundvall, 2010) zu den Neo-Schumpeter Ansätzen gerechnet.

Die naturalistischen Ansätze innerhalb der Evolutionsökonomik gehen davon aus, dass das biologische Erbe des Menschen einen bleibenden Einfluss auf dessen gegenwärtiges Verhalten hat und die wirtschaftliche Evolution beschränkt (Cordes, 2014, 5). In diesen Bereich fällt laut Cordes (2014, 5) die Theorie institutionellen Wandels von Thorstein Veblen („Why is Economics not an evolutionary science?”), der auch dem amerikanischen Institutionalismus zugeordnet wird. Derartiger institutioneller Wandel wird auch von Friedrich von Hayek und Douglas North thematisiert. Auch die „bioeconomics” von Geogescu-Roegen können hier eingeordnet werden. Dort werden die langfristigen Beschränkungen der wirtschaftlichen Evolution durch die biologische Evolution hervorgehoben (Cordes, 2014, 8).

In den Pfadabhängigkeitstheorien wird nicht notwendigerweise von biologischen Begriffen und Konzepten Gebrauch gemacht. Entscheidend ist, dass die Bedeutung der Entstehungsgeschichte eines Phänomens für dessen spätere Entwicklung und gegenwärtigen Merkmale berücksichtigt wird. Garud/Karnoe (2001) haben das Konzept der Pfadabhängigkeit um die Idee der Path-Creation ergänzt, um die Idee der Schöpfung neuer Entwicklungspfade miteinzubeziehen.

Teilweise werden auch Komplexitätstheorien mit dem Begriff der Evolutionsökonomik in Verbindung gebracht. Hiermit werden vor allem die Ansätze der sogenannten Complexity Economics bzw. Komplexitätsökonomik bezeichnet, die insbesondere aus der interdisziplinären Zusammenarbeit u.a. von Physikern, Biologen und Ökonomen im Santa Fe Institut in Santa Fe, New Mexico (USA) hervorgegangen sind. Diese Zusammenarbeit wurde u.a. von Kenneth Arrow initiiert. Gegenwärtige Vertreter sind z.B. Brian Arthur oder Samuel Bowles. Komplexitätsökonomen verwenden Konzepte wie z.B. dynamische, offene Systeme, Selbstorganisation und die kumulative Verursachung sozioökonomischer Prozesse (Positive Rückkopplungseffekte/Feedbacks). Auch Pfadabhängigkeiten und Selektionsprozesse spielen häufig eine Rolle. Die Komplexitätsökonomik wird im Rahmen einer eigenen Perspektivseite separat erläutert (siehe dort).

9. Verhältnis zum Mainstream

Die Stellung der Evolutorischen Ökonomik innerhalb der Wirtschaftswissenschaften ist umstritten. Einige Vertreter verstehen die Evolutorische Ökonomik als Teildisziplin der Wirtschaftswissenschaften, welche sich schwerpunktmäßig mit Innovationsprozessen, Unternehmertum und technologischem Wandel befasst. Innerhalb dieser eher engen Definition werden bestimmte Annahmen der Mainstreamökonomik nicht zwangsläufig verworfen und die Evolutorische Ökonomik kann als Disziplin neben anderen Gebieten (z.B. der Umweltökonomik) verstanden werden, die einen bestimmten Gegenstandsbereich untersuchen. Andere sehen in der Evolutorischen Ökonomik einen grundlegend anderen Ansatz zur wissenschaftlichen Untersuchung der Wirtschaft (vgl. Herrmann-Pillath 2002, 21-22).

10. Institutionen

Wissenschaftliche Vereinigungen:

  • European Association for Evolutionary Political Economy (EAEPE)
  • Internationale Joseph A. Schumpeter Gesellschaft (ISS)
  • Association for Evolutionary Economics (AFEE)

Führende Fachzeitschriften:

  • Journal of Evolutionary Economics
  • Research Policy
  • Industrial and Corporate Change
  • Journal of Institutional Economics
  • Journal of Economic Issues
  • Journal of Economic Geography

Literatur

Boschma, R., Frenken, K. (2006). Why is economic geography not an evolutionary science? Towards an evolutionary economic geography. Journal of Economic Geography, 6, 273–302.

Boschma, R., & Gianelle, C. (2014). Regional branching and smart specialization policy. JRC technical reports, (06/2104).

Bowles, S. (2009). Microeconomics: behavior, institutions, and evolution. Princeton University Press.

Cordes, C. The Application of Evolutionary Concepts in Evolutionary Economics. Papers on Economics & Evolution. Max Planck-Institut für Ökonomik. Nr. 1402.

David, P. A. (1985). Clio and the Economics of QWERTY. The American economic review, 75(2), 332-337.

Dopfer, K. (2007): Grundzüge der Evolutionsökonomie - Analytik, Ontologie und theoretische Schlüsselkonzepte. Discussion Paper Universität St. Gallen.

Dopfer, K., Foster, J., & Potts, J. (2004). Micro-meso-macro. Journal of Evolutionary Economics, 14(3), 263-279.

Dopfer, K., Potts, J. (2007): The General Theory of Economic Evolution. Routledge.

Essletzbichler, J. (2012). Generalized Darwinism, group selection and evolutionary economic geography. Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie, 56 (3): S. 129 – 146.

Feyerabend, P. K., & Vetter, H. (1976). Wider den Methodenzwang: Skizze einer anarchistischen Erkenntnistheorie. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Lundvall, B. Å. (Ed.). (2010). National systems of innovation: Toward a theory of innovation and interactive learning (Vol. 2). Anthem Press.

Garud, R., & Karnoe, P., (2001). Path Creation as a Process of Mindful Deviation: Dependence and Creation. London: Lawrence Erlbaum Associates, 1-38.

Herrmann-Pillath, Carsten 2002: Grundriß der Evolutionsökonomik, Wilhelm Fink Verlag: München

Hodgson, G. M., & Knudsen, T. (2010). Generative replication and the evolution of complexity. Journal of Economic Behavior & Organization, 75(1), 12-24.

Metcalfe, J. S. (1994). Evolutionary economics and technology policy. The economic journal, 104(425), 931-944.

Nelson, R. R., & Winter, S. G., (1977). In Search of Useful Theory of Innovation. Research Policy, 6 (1), 36-76.

Schamp, E. W. (2012). Evolutionäre Wirtschaftsgeographie. Eine kurze Einführung in den Diskussionsstand. Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie. 56 (1-2), 121-128

Simon, H. A. (1957). Administrative theory: A study of decision-making processes in administrative organization. New York: Macmillan.

Witt, U. (2001). Learning to consume–A theory of wants and the growth of demand. Journal of Evolutionary Economics, 11(1), 23-36

Witt, U. (1987). Individualistische Grundlagen der evolutorischen Ökonomik (Vol. 47). Mohr Siebeck.

Zugewiesene Kursmodule

Titel Anbieter Start Schwierigkeit
Complex Adaptive Systems - flexibel leicht
Emergence Theory - flexibel leicht

Organisationen und Links

Literatur

The General Theory of Economic Evolution
Kurt Dopfer
Publikationsjahr: 2007
Routledge

Grundriß der Evolutionsökonomik
Herrmann-Pillath, Carsten
Publikationsjahr: 2002
Wilhelm Fink Verlag

Elgar Companion to Institutional and Evolutionary Economics
Hodgson, Geoffrey M.; Samuels, Warren J.;Tool, Marc R. (Eds.)
Publikationsjahr: 1994
Edward Elgar Publishing

 

 

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